Zwielicht

Leseprobe

 

Lyria hastete in das Arbeitszimmer, das sie mit Abax teilte und öffnete hastig das Schloss des Schrankes, wo sie ihre Waffen verwahrten. Sie riss die Türen beinahe aus den Angeln und griff nach dem Schwert, das sie immer getragen hatte, während sie ihren Bruder auf seiner langen Suche begleitete. Sie streifte den Gurt um, so dass sie es über die Schulter aus der Scheide ziehen konnte. Kurz schossen ihr die Tränen in die Augen, als ihr bewusst wurde, dass sie es mehr als zehn Jahre nicht mehr hatte tragen müssen, nicht einmal beim ersten Angriff vor wenigen Wochen. Dann jedoch straffte sie sich und war auf ihrem Weg nach draußen froh, dass sie sich am heutigen Abend für bequeme Hosen anstelle eines Kleides entschieden hatte, so dass sie sich jetzt nicht noch umziehen musste.

Als sie wie gehetzt und dazu noch bewaffnet den Aufenthaltsraum betrat, versetzte die ohnehin völlig verstörten Kinder in noch größere Furcht, doch sie konnte sich jetzt nicht damit aufhalten. In aller Eile schloss sie ihre Kinder in die Arme und ermahnte sie, alles zu tun, was ihre Tanten sagten, dann wollte sie bereits davonstürzen, doch Salina packte ihren Arm und riss sie zu sich herum.

„Lyria“, zischte sie wütend, „was ist hier los?“

Statt zu antworten, packte sie ihre Schwägerin heftig am Arm und riss sie mit sich ans andere Ende des Raumes, damit man sie nicht hören konnte. Dort nahm sie Salinas Hand und drückte sie gegen die Wand.

„Atme nicht!“, flüsterte sie leise aber mit Nachdruck. „Spürst du das? Diese sanften Vibrationen?“ Salinas Zorn war einer tiefen Verwirrung gewichen, aber sie nickte, als sie eine sanfte, aber stete Erschütterung fühlte.

„Was hat das zu bedeuten, Lyria?“

„So fing es schon einmal ein, Salina“, antwortete sie düster. „Und ich werde nicht zulassen, dass es wieder geschieht!“

Die Augen ihrer Schwägerin weiteten sich voller Entsetzen, als ihr die Bedeutung von Lyrias Worten voll zu Bewusstsein kam. Sie deutete nichts anderes an, als dass die Insel von neuem im Meer versinken und alle Lynen mit sich ins Verderben reißen könnte.

„Bist du ganz sicher?“, fragte sie, sich verzweifelnd an die Hoffnung klammernd, dass Lyria vielleicht übertrieb oder in Panik geraten war, doch sie blieb vollkommen ruhig und nickte nur.

„Es ist genau das Gleiche, wie damals, Salina. Wir konnten es nur nicht einordnen, bis es zu spät war.“ Ihre Stimme war tonlos und ohne jede Emotion, fast als fürchte sie, von ihren Gefühlen überwältigt werden zu können. „Dieses Mal kann ich etwas dagegen tun, also bitte Salina, lass mich gehen und versprich mir, dass du auf meine Kinder aufpasst!“ Salina reagierte für einen Moment nicht, zu entsetzlich war die Vorstellung, möglicherweise miterleben zu müssen, was ihr Mann und seine Schwester nie im Leben hatten abschütteln können.

„Schwöre es mir!“, forderte Lyria ein wenig lauter und packte sie an den Schultern. Salina nickte wie betäubt und machte keinen weiteren Versuch, Lyria noch einmal aufzuhalten. Augenblicke später war sie bereits durch die Tür in die Nacht hinaus verschwunden.

Am Rande des Lichtscheins, der aus den großen Fenstern des Aufenthaltsraumes auf den Hof fiel, warteten mehrere Hunde gehorsam auf Lyria, wie Etion es ihnen befohlen hatte. Ein Teil von ihnen würde sie begleiten, die anderen weiterhin das Haus bewachen.

„Sucht die Falschen und bellt, wenn ihr einen findet!“, befahl sie nur und rannte an ihnen vorbei in die Dunkelheit um das Haus zu umrunden. Die Hunde holten sie sofort wieder ein und blieben dann auf ihrer Höhe, während sie in Richtung des Landesinneren liefen. Es waren vom Haus etwa zwei Meilen über Wiesen, bis sie den Wald erreichten, wo sich diejenigen verbargen, die Lyria so verzweifelt aufhalten wollte. Ihre Ankunft hatte etwas mit der Explosion zu tun, da war sie sich sicher, also konnten sie noch nicht allzu weit gekommen sein. Allerdings wusste sie nicht, wie viele es waren, darum konzentrierte sie sich und sandte ihre Gedanken nach Berion aus, um ihn um Hilfe zu bitten. Niemandem war damit gedient, wenn ihr etwas zustieß und die Suche nach den Angreifern sich weiter verzögerte. Sie konnte fühlen, wie Berion sich ihrem Ruf verschloss und musste gleichzeitig auch noch aufpassen, wo sie hinlief, da es wegen der tiefhängenden Wolken über der Insel beinahe stockfinster war. Aber sie blieb hartnäckig, bis Berion ihr schließlich unwirsch antwortete.

„Lyria, ich kann jetzt nicht, die Stadt brennt!“

„Berion, schick so viele Kämpfer wie du kannst in die Wälder ein Stück hinter unserem Anwesen!“ Sie ignorierte die Panik und Verzweiflung in seiner Stimme.

„Hast du mir nicht zugehört, Lyria? Die Stadt brennt und laufend brechen neue Feuer aus, ich kann dir niemanden schicken.“

Natürlich, durchzuckte es sie in diesem Moment. Es war ein Ablenkungsmanöver, damit niemand sich um die wirkliche Gefahr kümmerte.

„Berion, hör mir genau zu! Alvion ist in Bilonia auf diese Gestalten gestoßen, erinnere dich an seinen Bericht und seine Beschreibung ihrer Aura, so kannst du sie aufspüren, ich bin sicher, sie sind für die Feuer verantwortlich. Aber schick mir trotzdem Hilfe und zwar schnell!“

„Hilfe?“, stammelte Berion. „Wozu?“

„Was in der Stadt geschieht, ist nur ein Ablenkungsmanöver. Panik und Chaos lenken euch ab, aber ich kann den wahren Angriff spüren und der findet nicht in Genia statt sondern hier draußen!“

„Wovon redest du?“ Plötzlich war Berion ganz ruhig.

„Es geht um Alles, Berion!“ erwiderte sie eindringlich und hielt einen Moment inne. „Vertrau mir, ich weiß wie es sich anfühlt, wenn Alyra selbst in seiner Existenz bedroht ist.“ Hätte sie Berion in diesem Moment sehen können, hätte sie gesehen, wie jede Farbe aus seinem sein schweißüberströmten Gesicht wich und seine Knie nachgaben.

„Ich schicke so viele, wie ich kann“, versprach er, als er sich wieder gefasst hatte.

„Danke Berion“, sagte sie und setzte sich wieder in Bewegung. „Ich habe Wächter dabei, die Leute sollen auf Gebell achten!“

Obwohl ihr die Zeit unter den Nägeln brannte, sandte sie einen weiteren Ruf aus.

„Etion, hörst du mich?“

„Ja, Tante Lyria“, antwortete der Junge mit schwacher Stimme.

„Schicke ein paar Wächter in die Stadt, dort halten sich auch falsche Lynen auf und legen Feuer. Sie müssen sie finden und enttarnen!“

„Ist gut, Tante Lyria“, sagte der Junge gehorsam, doch sie hörte ihn schon nicht mehr.

Im Anwesen der drei Familien hatten Salina, Mytia und Zelio die Kinder eng um sich geschart und versuchten, beruhigend auf sie einzuwirken und überlegten gleichzeitig angestrengt, ob sie irgendetwas tun konnten. Lyria hatte vor höchstens einer Viertelstunde das Haus verlassen, als sie nochmals nach Etion rief, der ihren Befehl sogleich an die Hunde weiterleitete und dann seiner Mutter ins Ohr geflüstert Bericht erstattete. Mit einem Wink wies sie Zelio und Mytia an, mit ihr zur Seite zu treten und informierte sie flüsternd.

„Das ist zu kühn“, wisperte Zelio sofort.

„Was meinst du?“ flüsterte Salina.

„Das Ziel ist ein anderes, Alyra selbst anzugreifen, wie es der Orden von Fran damals getan hat, ist Irrsinn und kann nie gelingen, dazu sind die Lynen auf der ganzen Insel viel zu stark.“ Unter den Kindern am Tisch entstand Unruhe, doch sie schenkten ihr keine Beachtung, sondern unterhielten sich weiter im Flüsterton über Zelios Theorie, doch Lamias angstvolle Stimme ließ sie erschrocken den Kopf herumreißen.

„Etion, Nein!“

Im gleichen Moment fiel die Tür nach draußen bereits krachend zu, nachdem der Junge hindurchgeschlüpft war. Einen Augenblick lang starrte Salina ihm fassungslos nach, dann wollte sie losstürzen, doch Zelio hielt sie zurück.

„Ich hole ihn!“, verkündete er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete und drängte sich an ihr vorbei. Die vor Angst geweiteten Augen ihrer anderen Kinder auf sich gerichtet, mühte sich Salina um Ruhe und sandte ihrem Sohn einen Ruf nach, doch er ignorierte sie. Also trat sie vor Lamia und nahm das Gesicht ihrer Tochter behutsam in die Hände.

„Was hat dein Bruder vor?“, fragte sie so ruhig, wie es ihr möglich war.

„Er sagte, er muss unbedingt zu Varauel, weil etwas ganz Furchtbares passieren wird, dann war er auch schon weg.“ Tränen standen in den Augen des Mädchens und sie zitterte vor Angst, so dass Salina sie und auch die Zwillinge an sich zog und fest drückte.

„Es wird alles gut“, versprach sie ihren Kindern und wusste im gleichen Moment nicht, wie. Dies war ein noch viel entsetzlicherer Alptraum als vor ein paar Wochen und sie musste alleine, ohne Alvion an ihrer Seite damit fertig werden. Unterdessen hatte sich Mytia kurz flüsternd mit Verus unterhalten, der in Abwesenheit seiner Eltern über seine Geschwister wachte, dann verschwand sie für einen Moment. Als sie gleich darauf zurückkehrte, hielt sie ein Kurzschwert in den Händen und half Verus dann, die Scheide an seinem Gürtel zu befestigen. Neben der fürchterlichen Sorge um ihren Sohn wurde Salina bei diesem Anblick von einem namenlosen Entsetzen gepackt, doch sie nickte nur zustimmend, als ihr Blick auf Mytias Augen traf. Erschrocken zuckte sie zusammen und fuhr wie von der Tarantel gestochen auf, als im gleichen Moment Etions Stimme in ihren Gedanken erklang.

„Mutter?“

„Etion, komm sofort zurück!“ Sie war so aufgewühlt, dass sie es gleichzeitig laut aussprach.

Es kommen welche von den falschen Lynen auf das Haus zu.“ Die Stimme des Jungen blieb ruhig und sachlich. „Ich muss Varauel warnen und Hilfe holen.“

„Etion?“, rief sie ihn noch einmal, doch er antwortete nicht mehr. Im nächsten Moment erklang irgendwo im Haus das Klirren von Glas...

 

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